Chronologisch absteigend sortiert:
"Viele Notenbanken sitzen zurzeit in der Liquiditätsfalle. Um endlich daraus zu entrinnen, greift das US-Fed nun auf eine alte Idee zurück: Geld, das weniger wert wird. ... Mit dieser Geldpolitik greift Bernanke eine alte Idee auf. Sie stammt von Silvio Gesell, einem sehr erfolgreichen Kaufmann deutsch-argentinischer Herkunft." (Philipp Löpfe in der Basler Zeitung, 03.02.2012) Zum vollständigen Artikel.
Aus der großen Zahl guter freiwirtschaftlicher Literatur, die bei unseren verschiedenen Vereinigungen erhältlich ist – beispielsweise auch im Shop der Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT –, seien zwei jüngst erschienene Bücher empfohlen:
Erdlinge fahren in Wirtschaftsfragen einen widersinnigen
Schlingerkurs –
Sind sie noch zu retten?
Die Welt ist verrückt – würde ein Besucher aus fernen Galaxien denken,
wenn er das Verhalten der Menschen sieht. Sie arbeiten wie die Besessenen
und wollen immer mehr haben. Auch wenn sie schon genug zu essen, genug
Kleider und eine gute Wohnung haben, sie arbeiten immer weiter um noch mehr
zu haben. Sie erfinden Maschinen, die ihnen die Arbeit abnimmt – und
arbeiten doch in gleichem Tempo weiter. Sie steigern die Produktivität und
anstatt die Arbeitszeit zu verkürzen, schuften sie noch mehr. Sie können gar
nicht mehr alles verbrauchen und legen das Geld auf die hohe Kante. Geld,
das als Bescheinigung für geleistete Arbeit und nur als Tauschmittel dienen
soll, soll als Kapitalertrag ihren Reichtum mehren – glauben sie. Wie denn
überhaupt die Menschen dieser Erde an Wunder glauben.
Der Erdenbesucher kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Erdlinge
glauben an ein unbegrenztes Wachstum ihrer Produktion und ihres Konsums.
Dabei ist die Erdkugel winzig klein im Verhältnis zu den viel größeren
Planeten im Universum. Jetzt schon müssen die Menschen die Abfälle ihres
ununterbrochenen Produzierens ins Meer kippen, sodass Müll-Inseln entstehen,
die Flüsse verdrecken und die Luft immer stickiger wird. Und ihre
Gegenmaßnahmen? Wachstum! Damit sie aus der Produktion große Gewinne
erwirtschaften, mit denen sie die Umweltschäden verringern und den Müll
„entsorgen“ können, wenn möglich am liebsten auf den Mond schießen. Das
heißt, sie produzieren um Produkte vernichten zu können. Unglaublich! Dazu
erfinden sie noch unglaubliche Methoden. Zum Beispiel „Die „schöpferische
Zerstörung“, am effektivsten durch Krieg.
Aber es geht auch „humaner“. Zehn Prozent der Arbeitenden werden ins
„soziale Netz“ gelegt, doch Sozialkosten nicht aus den Gewinnen der
Produzenten bezahlt, sondern aus den Arbeitserträgen der Mitarbeiter. Und
die Arbeitslosenzahlen steigen umso höher, je mehr der Ausstoß durch den
Einsatz von Maschinen und Computern steigt. Widersinnig.
All das lassen sich die Menschen bieten. Der Erdenbesucher kann nur noch mit
dem Kopf schütteln. Die Menschen müssen alle verrückt sein, wenn sie das
mitmachen. Schlimmer noch, sie erklären die für verrückt, die solches
Verhalten anprangern.
Man könnte nach diesen Ausführungen glauben, die Gier des Menschen sei an
allem Schuld und müsse überwunden werden, dann ist alles gut. Das wäre
jedoch die Aufwärmung der alten Parole: „Wir müssen das Bewusstsein ändern.“
Nein, die Gier ist nicht des Teufels Werk. Wenn es einen Teufel gibt, dann
sollte man ihn nicht für dumm halten. Dann würde er ein Wirtschaftssystem
installieren, das in seiner Struktur die Ausbeutung der arbeitenden Menschen
den Unternehmern allein anlastet, während er die Ausbeutung durch das
Kapital als unbedeutend hinstellt und sogar die Spekulation der Finanzmärkte
als notwendig für die Marktwirtschaft bezeichnet. Da aber dieses
Wirtschaftssystem nicht vom Teufel, sondern von Menschen installiert wurde,
kann es auch von Menschen geändert werden, marktwirtschaftlich ohne Zwang
und ohne Kapitalismus. Aber wie den Übergang schaffen?
Wenn Sie noch nicht wütend sind über die Politiker, die der Euro-Krise
hilflos gegenüber stehen und mit der Bekämpfung von Symptomen nur Zeit
gewinnen wollen um eine soziale Revolution abzuwehren, dann lesen Sie auf
Seite 4 den Beitrag von Günther Woewes über die Realitätsverweigerung der
herrschenden Ökonomen. Dann möchten Sie vor Wut an die Decke gehen. Aber
Vorsicht. Wut verdrängt den Verstand. Und den brauchen wir. Sonst artet Wut
in Gewalt aus. Und damit wird alles noch schlimmer. So brutal und doch
faktenreich Guenther Moewes die Flickschusterei der heutigen Politiker und
den Dilettantismus der Euro-Retter bloßstellt, so überzeugend ist seine
Alternative mit fließendem Geld. Nutzen wir sie mit Verstand.
Die HUMANE WIRTSCHAFT begleitet Sie.
1) In der „Star-Trek-Zeitrechnung“ ist das der 15.12. 2011, der Tag an dem dieser Kommentar geschrieben wurde.
Wilhelm Schmülling, 1. Vorsitzender des Fördervereins
Natürliche Wirtschaftsordnung,
Herausgeber der Zeitschrift
HUMANE WIRTSCHAFT
"Anders wachsen", bekannt geworden durch die erfolgreiche Resolution
"Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum" auf dem Deutschen
Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden, hat einen neuen ansprechenden und
informativen Internetauftritt
und lädt dort zur Online-Unterzeichnung dieser Petition ein:
Ich bitte den Rat und die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD), sich des Themas "Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum"
anzunehmen, der falschen Vorstellung vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum zu
widersprechen, von den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft ein Ende des Zwangs zum Wirtschaftswachstum zu fordern und dazu
eine breite Öffentlichkeitskampagne durchzuführen.
Machen Sie mit!
Eugen Drewermann, "ehemals katholischer deutscher Theologe, suspendierter Priester, Psychoanalytiker, Schriftsteller und ein bekannter Kirchenkritiker" (Wikipedia) wurde von den Salzburger Nachrichten interviewt. Der Titel spricht für sich.
Anselm Rapp
Ich wiederhole es: Diese aktuelle Seite ist nicht als Pranger für Pater
Anselm Grün angelegt oder umfunktioniert, dazu schätze ich ihn schon als
Verfasser meditativer Bücher viel zu sehr. Er bringt sich aber immer wieder
selbst – wenn auch mit moralisch erhobenem Zeigefinger – als Verfechter des
Kapitalismus ins Gespräch, diesmal im Wortsinne in einem Rundfunkinterwiew, das am
8. August 2011 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde.
Man kann es
nachlesen oder
anhören (MP3), und einen Kommentar kann ich mir ersparen.
Anselm Rapp

Reaktorunfälle, Gau, Supergau,
Atomenergie
letztlich nicht beherrschbar
![]()
Errichtung von immer mehr AKW
![]()
Stark bevorzugte Förderung der Atomenergie
gegenüber Alternativen
(kapitalintensiv!)
![]()
Immer größerer Energiebedarf
![]()
Ständiges
Wirtschaftswachstum,
vor allem zwecks Bedienung der wachsenden Geldvermögen
mit Zinsen
![]()
Suche nach immer mehr Zinsgewinn
bringenden
Investitionsmöglichkeiten
![]()
Langfristig lawinenartiges Wachstum der
Geldvermögen und Schulden,
besonders durch Zins und Zinseszins
J.Hüwe, März 2011
Werner Onken, der das unschätzbar wertvolle Archiv für Geld- und Bodenreform betreibt und über immenses Wissen über die Freiwirtschaftsbewegung seit ihrer Gründung verfügt, hat soeben ein höchst interessantes Buch herausgebracht: "Geld und Natur in Literatur, Kunst und Musik". Sachliteratur über die Natürliche Wirtschaftsordnung gibt es nicht wenige, ihre Verknüpfung mit Natur, Literatur, Kunst und Musik ist eine Rarität.
"Nach einem kurzen Blick auf den zu geringen Stellenwert der Kultur in
der Gesellschaft zeigt Werner Onken in diesem Buch, wie sich zahlreiche
DichterInnen, KünstlerInnen und MusikerInnen in ihren Werken auch mit den
wirtschaftlichen Grundfragen unseres Daseins beschäftigt haben – mit der
Rolle des Geldes in der Gesellschaft, mit dem Gegensatz zwischen Reichtum
und Armut sowie mit dem Umgang mit dem Boden und den Naturressourcen.
Die hier zusammengetragenen Beispiele aus der Antike, dem Mittelalter und
der Neuzeit bis hin zur jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise ergeben ein
eindrucksvolles kulturgeschichtlich-ökonomisches Mosaik. Es soll kulturell
kreative und interessierte Menschen ermutigen, Berührungsängste gegenüber
der 'trockenen Materie' der Ökonomie einschließlich ihrer alternativen
Denkansätze abzubauen, denn eine gerechte, friedliche und naturverträgliche
Zukunftsgesellschaft bedarf ihrer Wegbereitung auch durch die Literatur,
Kunst und Musik. Gerade für sie könnten sich darin auch Möglichkeiten einer
freien, von Mäzenen, Staaten und Sponsoren unabhängigen Existenz eröffnen."
Zu beziehen im
Sozialökonomie-Shop oder im Buchhandel.
In der Bibel ist zu lesen: "Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er
wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen
hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem
Mammon." (Mt 6,24) Würde Pater Anselm Grün das beherzigen,
könnte diese Seite sich anderen Themen widmen. Stattdessen kritisiert Grün
jetzt seine Kritiker. Unter der Überschrift "Der Pater und das liebe Geld"
ist neben Grüns sattsam gewohntem Lamento über seine Fehlspekulation in
einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 13.10.2010 zu lesen:
"Muss sich der Pater Anwürfe anhören über seine Art zu wirtschaften,
spätestens seit der Krise? 'Muss ich natürlich', erzählt er, 'aber ich habe
die Erfahrung gemacht: Über Geld kann man noch weniger objektiv reden als
über Sexualität.' Er sehe sich immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert,
'manche sagen, es sei unmoralisch, sogar teuflisch, mit Geld umzugehen' –
noch dazu mit Aktien. 'Die Börse aber ist schlicht ein Handelsort, nicht wie
manche inzwischen meinen, ein Schimpfwort.'"
Harald Schmidt: "Ich glaube, dass viele anständige Investmentbanker und
grundehrliche Makler an der Börse ihr Geld im Schweiße anderer Angesichter
verdienen."
Anselm Rapp
Die aktuelle Seite war nicht dazu gedacht, sich immer wieder mit Pater Anselm Grün zu befassen. Er selbst gibt immer wieder Anlass dazu. Am 8. September 2010 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung den Artikel "Jesus war kein Antikapitalist" und zitiert damit Pater Grün. Ich habe einen Leserbrief dazu geschrieben:
Pater Anselm Grün kann es nicht lassen, sich als Verteidiger und Propagandist eines "guten Kapitalismus" zu gerieren ("Jesus war kein Antikapitalist", 9. September). Sein persönliches Armutsgelübde hindert ihn nicht, durch – wie er immer wieder selbstzufrieden berichtet – Zinseinnahmen und Spekulationen seinem Orden bedeutende Gewinne einzufahren. Auf die Idee, dass eigenleistungsloser Reichtum nicht vom Himmel fällt, sondern von Ärmsten erschuftet werden muss, scheint er nicht zu kommen. Grüns Aussage "Jesus war kein Antikapitalist" schlägt dem Fass nun aber den Boden aus. Würde Grün weniger Börsenkurse und mehr die Bibel studieren, sähe er sich schon durch das bekannte Jesuswort "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme" (Mt 19,24) einer unbiblischen Position entlarvt. Schade, Pater Grün schreibt so tiefsinnige meditative Bücher. In Sachen Kapitalismus täte es dessen Opfern und ihm selbst gut, er würde tiefer denken oder ein weiteres, diesbezügliches Schweigegelübde ablegen.
Der Leserbrief wurde am 24.09.2010 veröffentlicht (PDF).
Anselm Rapp
Die Reihe der Betroffenen bei Insolvenzen ganzer Staaten endet nicht bei
den Banken. Deren Gefahr der Insolvenz ist nach wie vor latent. Spätestens
seit Ausbruch der Krise machen wir eigentlich nichts anderes, als
Insolvenzverschleppung. Das galt von Anfang an für die Banken, jetzt auch
für ganze Staaten. Im Geschäftsleben kommt man dafür hinter Gitter.
Der Kapitalismus stirbt und zeigt im Todeskampf sein Wesen. Das besteht im
Kern im automatischen Wachstum ins Unendliche mit der Folge einer immer
ungleicheren Verteilung. Eigentlich ließe sich das System, das wir alle zum
Leben weiter bräuchten (der endgültige Zusammenbruch wird blutig ausgehen)
mit den Prinzipien des Kapitalismus retten. Eines davon lautet: Man kann
insolvent werden (früher: bankrott gehen). Für diesen Fall haben wir im
Geschäftsleben eine gute Einrichtung, die sogar ein begrüßenswertes Ziel
hat, nämlich die Rettung des Unternehmens: die Insolvenzverwaltung. Im
Rahmen der Tätigkeit eines Insolvenzverwalters können Unternehmen – und
damit wichtige Arbeitsplätze, der soziale Frieden also - gerettet werden.
Das funktioniert, weil am Ende die Gläubiger auf erhebliche Teile ihrer
Forderungen verzichten "müssen". Wenn sie es nicht tun, was auch vorkommt,
stirbt das Unternehmen zwar, dessen Know-how aber kann weiterleben, und sei
es in den Geschäften der früheren Konkurrenten. Die Gläubiger gehen trotzdem
zum großen Teil leer aus. Bei Insolvenzverschleppung bemühen sich die
eigentlich nicht mehr zahlungsfähigen Schuldner, die Illusion ihrer
Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Es werden eine Zeit lang die Löcher
gestopft, hingehalten und gelogen, dass sich die Balken biegen. Im Falle der
derzeitigen Krise haben die Schuldner dabei einen willfährigen
Helfershelfer: die Staaten. Diese sind Einrichtungen mit Vertretern, die
schon lange nicht mehr verantwortlich für die Menschen ihrer Länder handeln.
Ein weiterer Teil des Wesens des sterbenden Kapitalismus tritt nämlich
zutage: die Verknüpfung der Interessen der Reichen und Mächtigen mit
denjenigen der "Staatsdiener" in leitender Funktion.
Meiner Einstellung ist, dass es noch nicht zu spät ist, die Situation zu
retten und den Weg in eine bessere, nachhaltigere Zukunft einzuschlagen. Und
das in dem wir das "kapitalistische Instrument" der Insolvenz konsequent und
mit Überlegung anwenden. Ich habe das vor einiger Zeit versucht, im Hinblick
auf die Banken aufzuzeigen und erlaube mir den entsprechenden Aufsatz zu
verlinken:
Es ist meines Erachtens die einzige Chance einigermaßen unblutig aus der Sache herauszukommen. Alles andere endet im Chaos. Und was nach einem Chaos sein wird, kann mit absoluter Sicherheit niemand vorhersagen.
Andreas Bangemann
Andreas Bangemann ist Redakteur der sehr empfohlenen Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT; er gestattete freundlicherweise die Wiedergabe einer E-Mail an die Mailingliste des Seminars für freiheitliche Ordnung.
Pater Anselm Grün, Benediktinerpater, ist als Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation, Kontemplation, Fasten etc. (Wikipedia) sehr bekannt und beliebt. In unverständlichem Gegensatz dazu steht Grüns Einstellung zu Geld. Schon im Februar 2008 schilderte er, der als Benediktinermönch Armut gelobt habe, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (siehe unten) seine Tätigkeit als Börsenspekulant zu Gunsten seines Ordens. Den veröffentlichten Leserbrief dazu (ebenfalls unten) scheint Grün nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben oder zu ignorieren.
Und er legt noch nach. In einem Interview mit der Zeitschrift Capital im Januar 2010 unter dem Titel "Der Finanzkapitalismus ist lernfähig" meint Grün: "Ich sehe keine religiöse Begründung für ein Verbot der Zinsen und Zinseszinsen." Kann ein prominenter Benediktiner seine Bibel so schlecht kennen? Ich wollte das direkt klären und habe am 2. Februar 2010 deshalb einen Brief an Pater Anselm Grün (PDF) geschrieben. Eine persönliche Antwort habe ich bisher nicht erhalten, als "Antwort" lässt sich allerdings Grüns Interview mit der Financial Times Deutschland vom 05.03.2010 mit der Überschrift "Kirchenmann als Anleger: Pater Grüns erstes Investment war eine Iran-Anleihe" interpretieren. Grüns bislang bestes Investment sei eine 12,75-Prozent-Dollar-Russland-Anleihe zum Kurs von 29 gewesen, die er nach zwei Jahren zu 170 verkauft habe. Die Frage, wer die Kursdifferenz erarbeiten musste, scheint Grüns Gewissen nicht zu belasten.
Nachtrag vom 01.05.2010: Trotz Unterstützung durch rund ein Dutzend Menschen, die Pater Grün Mitte März um Antwort an mich baten, steht diese ein Vierteljahr nach meinem Brief immer noch aus. Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Es bleibt der sehr schale Nachgeschmack, dass Pater Grün, wenn auch mit moralischen Vorbehalten, Zinsen und Spekulation gutheißt, sich diesbezüglicher Kritik aber nicht stellt. Sollte er doch noch antworten, gebe ich dies hier umgehend bekannt und entschuldige mich für den Vorwurf.
Nachtrag vom 03.06.2010: Einen bemerkenswerten Gastkommentar unter dem bemerkenswerten Titel "Schluss mit den Rücktritten" hat Pater Grün in der WELT zum Thema Vergebung, auch im wirtschaftlichen Bereich, geschrieben. Auch dass Verantwortung [der eigenen Schuld; eigene Anm.] heiße, Fehler einzusehen, sich zu entschuldigen und daraus zu lernen. Unbedingt richtig. Nur: Ob die Finanzhaie ihre Fehler einsehen, sich für schuldig halten und daraus lernen?
In sensationeller Offenheit blickt die bekannte ARD-Sendung Plusminus hinter das Geheimnis Staatsverschuldung: "Bei wem hat der Staat diese Schulden eigentlich?" (Video, 05:44 min.)
Unter den zahlreichen Internetseiten über Silvio Gesell und die Freiwirtschaft befindet sich eine, die sich auf den ersten Blick in die anderen einzureihen schiene, fiele nicht der allererste Blick auf den Seiten-Untertitel "Wir sind keine Demokraten – na und?" Seite 1 zum Thema "Eine Alternative zum Kapitalismus" enthält Hinweise, dass es unmöglich sei, eine Geld- und Bodenrechtsverbesserung durchzusetzen, ohne den "Volksgedanken" zu bejahen. Seite 2 enthält einen Artikel einer in der Freiwirtschaftsbewegung bekannten Person, illustriert mit einem Piktogramm mit der Unterschrift "Kapitalismus", auf dem ein Mensch mit einem Kopfschuss bedroht wird. (Anmerkung vom 11.12.2009: Das Piktogramm wurde inzwischen ebenso wie ein Foto Silvio Gesells durch Fotos von einem Strichcode mit dem Text "CAPITALI$M" ersetzt.) Silvio Gesell würde sich im Grabe herumdrehen, wüsste er, vor welchen Karren er da gespannt werden soll.
Vollends deprimierend wird diese Seite durch die Stellungnahme des Vorsitzenden einer sich auf Silvio Gesell berufenden Organisation in der NWO-Liste, wo die Internetseite und ihr Hintergrund diskutiert wurden. Sein einziger Kommentar: "Irgendwann müssen wir es akzeptieren, dass auch gesellschaftliche Randgruppen auf beiden Seiten Gesell entdecken (werden) und versuchen seine Ideen an die eigene Ideologie anzupassen."
Bewusst wird auf die Seite hier nicht verlinkt. Bei Bedarf ist sie per Google-Suche nach genannten Begriffen zu finden.
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Internetseite bei einer anderen "Randgruppe", der ultralinken, auf Begeisterung stoßen wird, kann sie doch genüsslich als "Beweisstück" der Diffamierungskampagne gegen die Anhänger der Natürlichen Wirtschaftsordnung als rechtsradikal und antisemitisch verwendet werden. Darüber mehr auf Seite Rechts.
Marc Faber alias Dr. Doom betet in der WELT um Schutz vor US-Wirtschaftsgurus. Gemessen am frommen Anlass gibt er sich wenig zimperlich. Als "fehlgeleiteten Harvard-Volkswirt" bezeichnet er den namentlich nicht genannten Prof. Greg Mankiw von der Harvard University, der es wagt – wie Willem Hendrik Buiter, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics, den er offenkundig noch nicht ausgemacht hat – sich angesichts der Weltwirtschaftskrise mit der Lehre Silvio Gesells zu befassen, die Faber offenkundig nicht einmal ansatzweise verstanden hat. Ein Kommentar von NWO im WWW:
Fondsmanager Marc Faber, der offensichtlich das heutige Wirtschaftssystem
nicht nur verteidigt, sondern auch namhafte Wirtschaftswissenschaftler
kritisiert, die nach Alternativen forschen, hat dazu nur dann ein Recht,
wenn er sie sauber zitiert und dann deren Thesen widerlegt. Willem Hendrik
Buiter, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics – und mit
fast gleichen Argumenten Prof. Greg Mankiw von der Harvard University – will
ausdrücklich nicht "Spareinlagen", sondern Bargeld mit einer Gebühr belegen,
um die Nachfrage in der Realwirtschaft zu verstetigen. So schlägt jeder
Vorwurf gegenüber einem "fehlgeleiteten Harvard-Volkswirt" auf Faber selbst
zurück. Zitat Willem Buiter (deutsche Übersetzung in
HUMANE WIRTSCHAFT,
04/2009, S. 5): "Bei diesem Vorschlag ist die wichtigste Aufgabe, den
Geldhalter dazu zu bewegen, die negativen Zinsen an die Zentralbank zu
bezahlen." Und zuvor: "Bargeld besteuern. Das ist Silvio Gesells Vorschlag,
der von Irving Fisher unterstützt wurde und erneut in die Politik-Diskussion
gebracht wurde von Marvin Goodfriend, mir selbst und Nikolaos Panigirtzoglou."
Wenn das Wirtschaftswissen eines so genannten Experten so fundiert ist wie
dasjenige des Herrn Faber über Silvio Gesell und seine Lehre, wundert mich
keine Finanzkrise mehr. Wer sich mit Gesell beschäftigt hat und nicht nur
Vorurteile nachplappert, weiß, dass Gesell nur eines im Sinn hatte:
wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit. Nicht Enteignung - ein absurder
Gedanke - war sein Ziel und sein Rezept für eine florierende Wirtschaft und
gegen leistungslose Einkommen zu Lasten Armer, sondern Umlaufsicherung des
Bargeldes. Eine Gebühr auf Bargeld-Zurückhaltung würde die Konjunktur
ankurbeln. Wer Geld übrig hat, bringt es zur Bank, vermeidet dadurch die
Umlaufgebühr und erhält es anschließend zu 100 Prozent wieder zurück.
Enteignung betreiben nicht die Anhänger von Gesells Idee, die kurz nach
seinem Tod in Wörgl erstmals und gegenwärtig in zahlreichen
Regionalwährungen erfolgreich erprobt wurde und wird, Enteignung
praktizieren diejenigen, welche die Armen über Zins und Zinseszins erpressen
und das "Preis des Geldes" nennen. Gesells Lehre abzulehnen ist legitim,
aber nicht Behauptungen, die seine Lehre auf den Kopf stellen. Ein bisschen
gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit, mal über ausgetretene Pfade
hinaus zu denken, könnte der Finanzkrise weit mehr entgegenstellen als das
"Expertenwissen" der Finanzkaste, welche sie verursacht hat.
In fast unglaublicher Deutlichkeit nennt Kabarettist Georg Schramm in einer vom ZDF ausgestrahlten Szene der Sendung "Neues aus der Anstalt" den Wahnsinn des Zinssystems beim Namen.
Zum Video (MyVideo)
Schon vom Dezember 2006, aber unverändert oder vermutlich inzwischen noch aktueller ist ein Artikel der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Schieflage der Wohlstandsverteilung – Die Reichen werden noch reicher – Den reichsten zwei Prozent der Weltbevölkerung gehört das halbe Privat-Vermögen rund um den Erdball" von Gerd Zitzelsberger. Die nüchternen Zahlen bringen die wirtschaftliche Ungerechtigkeit auf unserer Welt auf den Punkt. Die Konsequenz, dass täglich 10 000 Kinder und 25 000 Erwachsene verhungern und viel, viel mehr unter der Armutsgrenze leben, fehlt allerdings. Und die Analyse der Ursache erst recht.
Die Süddeutsche Zeitung interviewte in ihrer Reihe "Reden wir über Geld" am 08.02.2008 den Benediktinermönch und Bestsellerautor Anselm Grün unter dem Titel "Geld gefährdet die innere Freiheit". Es ist kaum fassbar, wie der sympathische und sensible Seelsorger seinem Ordensgelübde gemäß Armut praktiziert und vor den Gefahren des Reichtums warnt, sich aber andererseits, als habe er noch nie die Bibel zum Thema Zins und Ausbeutung gelesen und die – in der jüngeren Zeit allerdings gründlich "vergessene" – Haltung seiner katholischen Kirche dazu vernommen, als "erfolgreicher" Börsenspekulant mit gewaltigen Summen betätigt. Der nachfolgende Leserbrief aus der gedruckten Ausgabe vom 19.02.2008 bringt den Widerspruch hervorragend auf den Punkt:
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Zocken im Kloster Als ein nachdenklicher Pater bringt Anselm Grün es fertig, mit viel Kreativität aus Geld mehr Geld zu machen, ohne dabei so weit nachzudenken, dass das Mehr doch immer stets von anderen Menschen erarbeitet werden muss. Was mag er nur die Manager in seinen Seminaren lehren: Wie man die Menschen dadurch achtet, dass man ihnen einen Minilohn, den man als gerecht empfinden soll, auszahlt? Wie ist es denn mit der Menschenwürde des Paters bestellt, wenn er den hohen Managerlohn auf der einen Seite und den Minilohn auf der anderen Seite als gerecht ansehen kann? Es ist mir unbegreiflich, wie ein Pater seine "Arbeit" mit der Spekulation bei zehn bis 15 Prozent Rendite in aller Freimütigkeit als Erfolg ausgeben kann. Klosterbrüder als Börsenzocker! Die katholische Kirche hat bisher den Zins noch nie anerkannt, lebt aber damit anscheinend vorzüglich, wie man aus der Beschreibung vernimmt. In Matthias Drobinskis und Alexander Hagelükens Interview berichtet Grün von der Entlassung einer Putzfrau, weil sie geklaut hatte, und das gehe nicht – wegen der Wirkung auf die anderen. Der Gedanke, dass Grün klaut, ist ihm bei seiner Tätigkeit noch nie gekommen? Das gesetzliche Geld mit seinem Zins- und Zinseszinssystem ist kriminell und verfassungswidrig, und jeder, der die "Vorteile" der Geldmaximierung nutzt, schadet irgendwo Menschen (wie etwa in Argentinien), einem Staat, der Welt, ganz gewiss aber seinem Gewissen. Leider ist es bei Grün noch nicht so weit. Aber mir ist schleierhaft, wie er mit dieser Haltung andere Menschen belehren will. Dietlind Rinke, Bad Karlshafen |
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Anselm Rapp
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