Nein, den Weltuntergang beschreiben wir nicht. Das überlassen wir den
selbsternannten Propheten, die sich damit auskennen, die sogar behaupteten,
das Datum des Untergangs zu wissen, die aber regelmäßig einen Reinfall
erleben und das vorausgesagte Datum hinausschieben müssen. Ähnliche Blamagen
erlebten manche Crash-Propheten, die als Börsengurus anhand der
Kursentwicklung entsprechende Verkaufsempfehlungen gaben und falsch lagen.
Verantwortungsvolle Börsenexperten hingegen hinterfragen die Basis unserer
Wirtschaftsordnung. Sie bleiben nicht an den Kurstafeln hängen, suchen nicht
nach den Gründen des Auf und Ab der Kurse, sondern untersuchen die Basis
unserer Wirtschaftsordnung. Dirk Müller, genannt Mister Dax, sagte zum
Beispiel im ZDF:
"Das System, das wir aufgebaut haben, das Zinseszinssystem, das Verschuldungssystem, hatte von Beginn an eine Halbwertszeit. Es war mit einem Verfallsdatum versehen. (...) Ein Zinseszinssystem kann mathematisch nicht unendlich funktionieren. Es fängt langsam an, der Zinseszins sorgt dafür, dass es dramatisch schnell wächst."
"Dramatisch schnell" kommt so das Finale, auch Crash genannt, auf uns zu.
Alle Versuche, den Crash zu vermeiden, scheitern an der Logik der
exponentiellen Entwicklung des Zinseszinssystems. Weder die Regierenden,
noch "die Wirtschaft" sind sich darüber im Klaren, dass die aktuellen Krisen
allesamt mit dem Geldsystem zusammenhängen, andernfalls würden solche Zitate
in vielen Medien nachgedruckt und kommentiert. Aber: Schweigen im
Blätterwald.
Von wenig Ahnung über die monetären Ursachen getrübt, versuchen die
europäischen Regierungen beraten ausgerechnet von Großbanken die
Verschuldungskrise zu dämpfen, indem sie hoch verschuldeten Staaten
drastische Sparmaßnahmen verordnen. Schon wehren sich die am härtesten
Betroffenen mit Demonstrationen. Kein Wunder wenn Sparmaßnahmen
hauptsächlich die ärmeren Bevölkerungsgruppen treffen. So rumort es an der
Basis. Wird die Entwicklung zur Verarmung nicht gestoppt, kommt es auch zur
Krise des Sozialsystems. Noch eine Krise! Als ob wir von Krisen noch nicht
genug hätten.
Ganz aktuell hat sich neben den vielen Krisen eine weitere Krise in der
deutschen Regierung entwickelt, noch schwelend zwar, die aber jeden Moment
ausbrechen kann. Wieso konnte es dazu kommen? Gewiss waren es nicht verbale
Entgleisungen von Koalitionären. Derartige emotionale Ausbrüche sind
menschlich verständlich. Aber was dazu geführt hat, dass
Regierungsmitglieder Rücktritte androhen, um eigene Forderungen gegen die
Richtlinienkompetenz der Kanzlerin durchzusetzen, können wir nur erahnen.
Nicht immer wird Angela Merkel den apodiktischen Forderungen der FDP, z. B.
im Gesundheitswesen, nachgeben können, sonst provoziert sie mit dem
Koalitionspartner neuen Streit. Die bayerische CSU schießt auch quer. Und
das alles mitten in der Verschuldungs- und Bankenkrise.
Aus dem Fokus entschwunden sind auch die Flutungen der Volkswirtschaft durch
die EZB mit neugedrucktem Geld gegen Hinterlegung von Schrottpapieren der
verschuldeten Staaten. Die Europäische Zentralbank hatte in der Nacht vom 9.
auf den 10. Mai den Ankauf von Staatsanleihen beschlossen.
" (…)die Lage habe sich an den internationalen Anleihemärkten binnen weniger Stunden zugespitzt und die Gefahr einer weltweiten Kettenreaktion bestanden (…)" DIE WELT, 11. 6. 2010.
In der Woche vorher habe die EZB, so DIE WELT, Staatspapiere von
Griechenland und Portugal im Volumen von 40,5 Mrd. Euro erworben. Das ist
eine Meldung, deren Tragweite gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann,
bedeutet sie doch eine Inflationierung, falls diese Summe nicht umgehend
wieder dem Geldkreislauf entzogen wird. Wird diese Geldmengenausweitung
fortgesetzt, bedeutet das ein Inflationspotential, wenn die
Kapazitätsauslastung in der Industrie an ihre Grenzen stößt. Ganz
offensichtlich ist dann die Stabilität des Euro in Gefahr.
Folgenbekämpfungen, wie Stützungsmaßnahmen für europäische Banken oder, wie
drastische Sparmaßnahmen für Staatshauhalte, werden erfolglos bleiben, wenn
die Basis der heutigen Wirtschaftsordnung, das Zinseszinssystem, beibehalten
wird.
Wilhelm Schmülling
Wilhelm Schmülling ist Bevollmächtigter des Herausgebers der sehr empfohlenen Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT; er gestattete freundlicherweise die Wiedergabe seines Kommentars in Ausgabe 04/210.
Die Reihe der Betroffenen bei Insolvenzen ganzer Staaten endet nicht bei
den Banken. Deren Gefahr der Insolvenz ist nach wie vor latent. Spätestens
seit Ausbruch der Krise machen wir eigentlich nichts anderes, als
Insolvenzverschleppung. Das galt von Anfang an für die Banken, jetzt auch
für ganze Staaten. Im Geschäftsleben kommt man dafür hinter Gitter.
Der Kapitalismus stirbt und zeigt im Todeskampf sein Wesen. Das besteht im
Kern im automatischen Wachstum ins Unendliche mit der Folge einer immer
ungleicheren Verteilung. Eigentlich ließe sich das System, das wir alle zum
Leben weiter bräuchten (der endgültige Zusammenbruch wird blutig ausgehen)
mit den Prinzipien des Kapitalismus retten. Eines davon lautet: Man kann
insolvent werden (früher: bankrott gehen). Für diesen Fall haben wir im
Geschäftsleben eine gute Einrichtung, die sogar ein begrüßenswertes Ziel
hat, nämlich die Rettung des Unternehmens: die Insolvenzverwaltung. Im
Rahmen der Tätigkeit eines Insolvenzverwalters können Unternehmen – und
damit wichtige Arbeitsplätze, der soziale Frieden also - gerettet werden.
Das funktioniert, weil am Ende die Gläubiger auf erhebliche Teile ihrer
Forderungen verzichten "müssen". Wenn sie es nicht tun, was auch vorkommt,
stirbt das Unternehmen zwar, dessen Know-how aber kann weiterleben, und sei
es in den Geschäften der früheren Konkurrenten. Die Gläubiger gehen trotzdem
zum großen Teil leer aus. Bei Insolvenzverschleppung bemühen sich die
eigentlich nicht mehr zahlungsfähigen Schuldner, die Illusion ihrer
Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Es werden eine Zeit lang die Löcher
gestopft, hingehalten und gelogen, dass sich die Balken biegen. Im Falle der
derzeitigen Krise haben die Schuldner dabei einen willfährigen
Helfershelfer: die Staaten. Diese sind Einrichtungen mit Vertretern, die
schon lange nicht mehr verantwortlich für die Menschen ihrer Länder handeln.
Ein weiterer Teil des Wesens des sterbenden Kapitalismus tritt nämlich
zutage: die Verknüpfung der Interessen der Reichen und Mächtigen mit
denjenigen der "Staatsdiener" in leitender Funktion.
Meiner Einstellung ist, dass es noch nicht zu spät ist, die Situation zu
retten und den Weg in eine bessere, nachhaltigere Zukunft einzuschlagen. Und
das in dem wir das "kapitalistische Instrument" der Insolvenz konsequent und
mit Überlegung anwenden. Ich habe das vor einiger Zeit versucht, im Hinblick
auf die Banken aufzuzeigen und erlaube mir den entsprechenden Aufsatz zu
verlinken:
Es ist meines Erachtens die einzige Chance einigermaßen unblutig aus der Sache herauszukommen. Alles andere endet im Chaos. Und was nach einem Chaos sein wird, kann mit absoluter Sicherheit niemand vorhersagen.
Andreas Bangemann
Andreas Bangemann ist Redakteur der sehr empfohlenen Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT; er gestattete freundlicherweise die Wiedergabe einer E-Mail an die Mailingliste des Seminars für freiheitliche Ordnung.
Pater Anselm Grün, Benediktinerpater, ist als Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation, Kontemplation, Fasten etc. (Wikipedia) sehr bekannt und beliebt. In unverständlichem Gegensatz dazu steht Grüns Einstellung zu Geld. Schon im Februar 2008 schilderte er, der als Benediktinermönch Armut gelobt habe, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (siehe unten) seine Tätigkeit als Börsenspekulant zu Gunsten seines Ordens. Den veröffentlichten Leserbrief dazu (ebenfalls unten) scheint Grün nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben oder zu ignorieren.
Und er legt noch nach. In einem Interview mit der Zeitschrift Capital im Januar 2010 unter dem Titel "Der Finanzkapitalismus ist lernfähig" meint Grün: "Ich sehe keine religiöse Begründung für ein Verbot der Zinsen und Zinseszinsen." Kann ein prominenter Benediktiner seine Bibel so schlecht kennen? Ich wollte das direkt klären und habe am 2. Februar 2010 deshalb einen Brief an Pater Anselm Grün (PDF) geschrieben. Eine persönliche Antwort habe ich bisher nicht erhalten, als "Antwort" lässt sich allerdings Grüns Interview mit der Financial Times Deutschland vom 05.03.2010 mit der Überschrift "Kirchenmann als Anleger: Pater Grüns erstes Investment war eine Iran-Anleihe" interpretieren. Grüns bislang bestes Investment sei eine 12,75-Prozent-Dollar-Russland-Anleihe zum Kurs von 29 gewesen, die er nach zwei Jahren zu 170 verkauft habe. Die Frage, wer die Kursdifferenz erarbeiten musste, scheint Grüns Gewissen nicht zu belasten.
Nachtrag vom 01.05.2010: Trotz Unterstützung durch rund ein Dutzend Menschen, die Pater Grün Mitte März um Antwort an mich baten, steht diese ein Vierteljahr nach meinem Brief immer noch aus. Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Es bleibt der sehr schale Nachgeschmack, dass Pater Grün, wenn auch mit moralischen Vorbehalten, Zinsen und Spekulation gutheißt, sich diesbezüglicher Kritik aber nicht stellt. Sollte er doch noch antworten, gebe ich dies hier umgehend bekannt und entschuldige mich für den Vorwurf.
Nachtrag vom 03.06.2010: Einen bemerkenswerten Gastkommentar unter dem bemerkenswerten Titel "Schluss mit den Rücktritten" hat Pater Grün in der WELT zum Thema Vergebung, auch im wirtschaftlichen Bereich, geschrieben. Auch dass Verantwortung [der eigenen Schuld; eigene Anm.] heiße, Fehler einzusehen, sich zu entschuldigen und daraus zu lernen. Unbedingt richtig. Nur: Ob die Finanzhaie ihre Fehler einsehen, sich für schuldig halten und daraus lernen?
Der Pfifficus Spiele Verlag präsentiert ein neuartiges Spiel, das die Badische Zeitung so vorstellt: "Pecunia non olet – Geld stinkt nicht – so rechtfertigte der Römische Kaiser Vespasian seine Latrinensteuer. Doch beim Strategiespiel "Kaivai" des Gottenheimer Pfifficus-Verlags beginnt die Spielwährung zu faulen, je länger der Spieler sie besitzt, wie Fisch, der täglich älter wird. Bei vielen anderen Gesellschaftsspielen ist das Spielgeld oft lediglich das Mittel zum Erfolg. Doch nicht nur durch das andere Geldsystem steht 'Kaivai' für das Motto des Pfifficus-Verlags, Spiele zum Umdenken entwickeln zu wollen."
Ob die Umlaufsicherung im Sinne der Natürlichen Wirtschaftsordnung bewusst eingebaut wurde, ist uns nicht bekannt, aber dass das Spiel auf einer faulenden statt sich vermehrenden Währung aufbaut, sollte die Spieler tatsächlich zum Umdenken bringen.
In sensationeller Offenheit blickt die bekannte ARD-Sendung Plusminus hinter das Geheimnis Staatsverschuldung: "Bei wem hat der Staat diese Schulden eigentlich?" (Video, 05:44 min.)
Banken und Banker haben bei den Anhängern der Gesell'schen Natürlichen Wirtschaftsordnung keinen guten Ruf. Vielfach zu Recht, aber nicht ausnahmslos. Die kleine EthikBank führt zurzeit eine beispiellose Werbekampagne, in der sie den Kapitalismus (nicht die Marktwirtschaft!) anprangert. Ihre Ziele machen ihrem Namen alle Ehre. Welche Bank wagt solch deutliche Worte? Welche Bank veröffentlicht bis ins Detail, wie und wo sie das Geld ihrer Kunden investiert oder führt eine Positiv- und Negativliste ihrer Anlagekriterien? Die von uns erstrebte Umlaufsicherung ist ein grundsätzlich neues Finanzsystem. Die EthikBank beweist, dass es auch schon im bestehenden Finanzsystem Möglichkeiten gibt, Ethik ganz konkret zu praktizieren.
Unter den zahlreichen Internetseiten über Silvio Gesell und die Freiwirtschaft befindet sich eine, die sich auf den ersten Blick in die anderen einzureihen schiene, fiele nicht der allererste Blick auf den Seiten-Untertitel "Wir sind keine Demokraten – na und?" Seite 1 zum Thema "Eine Alternative zum Kapitalismus" enthält Hinweise, dass es unmöglich sei, eine Geld- und Bodenrechtsverbesserung durchzusetzen, ohne den "Volksgedanken" zu bejahen. Seite 2 enthält einen Artikel einer in der Freiwirtschaftsbewegung bekannten Person, illustriert mit einem Piktogramm mit der Unterschrift "Kapitalismus", auf dem ein Mensch mit einem Kopfschuss bedroht wird. (Anmerkung vom 11.12.2009: Das Piktogramm wurde inzwischen ebenso wie ein Foto Silvio Gesells durch Fotos von einem Strichcode mit dem Text "CAPITALI$M" ersetzt.) Silvio Gesell würde sich im Grabe herumdrehen, wüsste er, vor welchen Karren er da gespannt werden soll.
Vollends deprimierend wird diese Seite durch die Stellungnahme des Vorsitzenden einer sich auf Silvio Gesell berufenden Organisation in der NWO-Liste, wo die Internetseite und ihr Hintergrund diskutiert wurden. Sein einziger Kommentar: "Irgendwann müssen wir es akzeptieren, dass auch gesellschaftliche Randgruppen auf beiden Seiten Gesell entdecken (werden) und versuchen seine Ideen an die eigene Ideologie anzupassen."
Bewusst wird auf die Seite hier nicht verlinkt. Bei Bedarf ist sie per Google-Suche nach genannten Begriffen zu finden.
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Internetseite bei einer anderen "Randgruppe", der ultralinken, auf Begeisterung stoßen wird, kann sie doch genüsslich als "Beweisstück" der Diffamierungskampagne gegen die Anhänger der Natürlichen Wirtschaftsordnung als rechtsradikal und antisemitisch verwendet werden. Darüber mehr auf Seite Rechts.
Marc Faber alias Dr. Doom betet in der WELT um Schutz vor US-Wirtschaftsgurus. Gemessen am frommen Anlass gibt er sich wenig zimperlich. Als "fehlgeleiteten Harvard-Volkswirt" bezeichnet er den namentlich nicht genannten Prof. Greg Mankiw von der Harvard University, der es wagt – wie Willem Hendrik Buiter, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics, den er offenkundig noch nicht ausgemacht hat – sich angesichts der Weltwirtschaftskrise mit der Lehre Silvio Gesells zu befassen, die Faber offenkundig nicht einmal ansatzweise verstanden hat. Ein Kommentar von NWO im WWW:
Fondsmanager Marc Faber, der offensichtlich das heutige Wirtschaftssystem
nicht nur verteidigt, sondern auch namhafte Wirtschaftswissenschaftler
kritisiert, die nach Alternativen forschen, hat dazu nur dann ein Recht,
wenn er sie sauber zitiert und dann deren Thesen widerlegt. Willem Hendrik
Buiter, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics – und mit
fast gleichen Argumenten Prof. Greg Mankiw von der Harvard University – will
ausdrücklich nicht "Spareinlagen", sondern Bargeld mit einer Gebühr belegen,
um die Nachfrage in der Realwirtschaft zu verstetigen. So schlägt jeder
Vorwurf gegenüber einem „fehlgeleiteten Harvard-Volkswirt“ auf Faber selbst
zurück. Zitat Willem Buiter (deutsche Übersetzung in
HUMANE WIRTSCHAFT,
04/2009, S. 5): "Bei diesem Vorschlag ist die wichtigste Aufgabe, den
Geldhalter dazu zu bewegen, die negativen Zinsen an die Zentralbank zu
bezahlen." Und zuvor: "Bargeld besteuern. Das ist Silvio Gesells Vorschlag,
der von Irving Fisher unterstützt wurde und erneut in die Politik-Diskussion
gebracht wurde von Marvin Goodfriend, mir selbst und Nikolaos Panigirtzoglou."
Wenn das Wirtschaftswissen eines so genannten Experten so fundiert ist wie
dasjenige des Herrn Faber über Silvio Gesell und seine Lehre, wundert mich
keine Finanzkrise mehr. Wer sich mit Gesell beschäftigt hat und nicht nur
Vorurteile nachplappert, weiß, dass Gesell nur eines im Sinn hatte:
wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit. Nicht Enteignung - ein absurder
Gedanke - war sein Ziel und sein Rezept für eine florierende Wirtschaft und
gegen leistungslose Einkommen zu Lasten Armer, sondern Umlaufsicherung des
Bargeldes. Eine Gebühr auf Bargeld-Zurückhaltung würde die Konjunktur
ankurbeln. Wer Geld übrig hat, bringt es zur Bank, vermeidet dadurch die
Umlaufgebühr und erhält es anschließend zu 100 Prozent wieder zurück.
Enteignung betreiben nicht die Anhänger von Gesells Idee, die kurz nach
seinem Tod in Wörgl erstmals und gegenwärtig in zahlreichen
Regionalwährungen erfolgreich erprobt wurde und wird, Enteignung
praktizieren diejenigen, welche die Armen über Zins und Zinseszins erpressen
und das "Preis des Geldes" nennen. Gesells Lehre abzulehnen ist legitim,
aber nicht Behauptungen, die seine Lehre auf den Kopf stellen. Ein bisschen
gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit, mal über ausgetretene Pfade
hinaus zu denken, könnte der Finanzkrise weit mehr entgegenstellen als das
"Expertenwissen" der Finanzkaste, welche sie verursacht hat.
In fast unglaublicher Deutlichkeit nennt Kabarettist Georg Schramm in einer vom ZDF ausgestrahlten Szene der Sendung "Neues aus der Anstalt" den Wahnsinn des Zinssystems beim Namen.
Zum Video (MyVideo)
Schon vom Dezember 2006, aber unverändert oder vermutlich inzwischen noch aktueller ist ein Artikel der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Schieflage der Wohlstandsverteilung – Die Reichen werden noch reicher – Den reichsten zwei Prozent der Weltbevölkerung gehört das halbe Privat-Vermögen rund um den Erdball" von Gerd Zitzelsberger. Die nüchternen Zahlen bringen die wirtschaftliche Ungerechtigkeit auf unserer Welt auf den Punkt. Die Konsequenz, dass täglich 10 000 Kinder und 25 000 Erwachsene verhungern und viel, viel mehr unter der Armutsgrenze leben, fehlt allerdings. Und die Analyse der Ursache erst recht.
Die Süddeutsche Zeitung interviewte in ihrer Reihe "Reden wir über Geld" am 08.02.2008 den Benediktinermönch und Bestsellerautor Anselm Grün unter dem Titel "Geld gefährdet die innere Freiheit". Es ist kaum fassbar, wie der sympathische und sensible Seelsorger seinem Ordensgelübde gemäß Armut praktiziert und vor den Gefahren des Reichtums warnt, sich aber andererseits, als habe er noch nie die Bibel zum Thema Zins und Ausbeutung gelesen und die – in der jüngeren Zeit allerdings gründlich "vergessene" – Haltung seiner katholischen Kirche dazu vernommen, als "erfolgreicher" Börsenspekulant mit gewaltigen Summen betätigt. Der nachfolgende Leserbrief aus der gedruckten Ausgabe vom 19.02.2008 bringt den Widerspruch hervorragend auf den Punkt:
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Zocken im Kloster Als ein nachdenklicher Pater bringt Anselm Grün es fertig, mit viel Kreativität aus Geld mehr Geld zu machen, ohne dabei so weit nachzudenken, dass das Mehr doch immer stets von anderen Menschen erarbeitet werden muss. Was mag er nur die Manager in seinen Seminaren lehren: Wie man die Menschen dadurch achtet, dass man ihnen einen Minilohn, den man als gerecht empfinden soll, auszahlt? Wie ist es denn mit der Menschenwürde des Paters bestellt, wenn er den hohen Managerlohn auf der einen Seite und den Minilohn auf der anderen Seite als gerecht ansehen kann? Es ist mir unbegreiflich, wie ein Pater seine "Arbeit" mit der Spekulation bei zehn bis 15 Prozent Rendite in aller Freimütigkeit als Erfolg ausgeben kann. Klosterbrüder als Börsenzocker! Die katholische Kirche hat bisher den Zins noch nie anerkannt, lebt aber damit anscheinend vorzüglich, wie man aus der Beschreibung vernimmt. In Matthias Drobinskis und Alexander Hagelükens Interview berichtet Grün von der Entlassung einer Putzfrau, weil sie geklaut hatte, und das gehe nicht – wegen der Wirkung auf die anderen. Der Gedanke, dass Grün klaut, ist ihm bei seiner Tätigkeit noch nie gekommen? Das gesetzliche Geld mit seinem Zins- und Zinseszinssystem ist kriminell und verfassungswidrig, und jeder, der die "Vorteile" der Geldmaximierung nutzt, schadet irgendwo Menschen (wie etwa in Argentinien), einem Staat, der Welt, ganz gewiss aber seinem Gewissen. Leider ist es bei Grün noch nicht so weit. Aber mir ist schleierhaft, wie er mit dieser Haltung andere Menschen belehren will. Dietlind Rinke, Bad Karlshafen |
Wie sich die Bilder gleichen:
Anselm Rapp